Was ist das Sequence-of-Returns-Risiko?
Das Sequence-of-Returns-Risiko (Reihenfolgerisiko) bedeutet: Wer von seinem Depot lebt, für den zählt nicht nur die durchschnittliche Rendite, sondern auch, wann die schlechten Jahre kommen. Fällt ein Crash in die ersten Jahre der Entnahme, verkaufst du Anteile zu niedrigen Kursen – dieses Geld fehlt, wenn sich die Börse erholt. Beispiel mit den realen Renditen des MSCI World in Euro: Wer Ende 1999 1.000.000 € hatte und jedes Jahr 40.000 € (inflationsbereinigt) entnahm, hatte Ende 2018 nichts mehr. Dieselben 26 Jahresrenditen in umgekehrter Reihenfolge hätten 1.448.000 € hinterlassen.
Stand: · Gerechnet mit FireLotse
Warum die Reihenfolge erst in der Entnahme zählt
Ohne Entnahmen ist die Reihenfolge der Renditen egal. Ob erst −30 % und dann +40 % oder umgekehrt: Am Ende steht dasselbe Vermögen. Mit den MSCI-World-Renditen ab 2000 wird aus 1.000.000 € in beiden Reihenfolgen 2.587.000 €.
Sobald du regelmäßig entnimmst, ändert sich das. Nach einem Crash musst du für denselben Betrag mehr Anteile verkaufen. Der Kursverlust ist damit realisiert: Die verkauften Anteile nehmen an der Erholung nicht mehr teil. Kommt der Crash erst spät, ist das Depot vorher gewachsen und verkraftet ihn leichter. Das gilt nicht nur für einzelne Crashs, sondern auch für lange Flauten: Real lag der MSCI World erst Ende 2014 wieder über seinem Stand von Ende 1999.
In der Sparphase wirkt der Effekt umgekehrt: Ein früher Crash hilft sogar, weil du mit jeder Einzahlung günstig nachkaufst. Kritisch sind deshalb vor allem die Jahre kurz vor und kurz nach dem Ausstieg – dann ist das Vermögen am größten, und die längste Entnahmezeit liegt noch vor dir.
Beispielrechnung: Start 2000 gegen dieselben Renditen rückwärts
Die Tabelle nutzt die realen Jahresrenditen des MSCI World in Euro von 2000 bis 2025, nach Abzug der deutschen Inflation. Über die ganze Zeit wuchs das Vermögen ohne Entnahmen um durchschnittlich 3,7 % pro Jahr (annualisiert; der einfache Mittelwert der Jahresrenditen liegt bei 5,3 %). Die erste Rechnung startet Ende 1999, also direkt vor dem Platzen der Dotcom-Blase. Die zweite nimmt dieselben Renditen in umgekehrter Reihenfolge – die Crashs von 2002 und 2008 kommen dann erst am Ende.
| Jahr | Rendite (real) | Vermögen am Jahresende | Rendite rückwärts | Vermögen am Jahresende |
|---|---|---|---|---|
| 2000 | −8,1 % | 879.000 € | +5,1 % | 1.011.000 € |
| 2001 | −13,6 % | 719.000 € | +23,0 % | 1.204.000 € |
| 2002 | −33,4 % | 439.000 € | +15,2 % | 1.347.000 € |
| 2003 | +9,3 % | 440.000 € | −19,6 % | 1.043.000 € |
| 2004 | +4,0 % | 417.000 € | +25,8 % | 1.272.000 € |
| 2005 | +24,7 % | 481.000 € | +6,3 % | 1.312.000 € |
| 2006 | +6,0 % | 470.000 € | +28,2 % | 1.642.000 € |
| 2007 | −5,4 % | 404.000 € | −5,9 % | 1.505.000 € |
| 2008 | −37,9 % | 211.000 € | +6,1 % | 1.557.000 € |
| 2009 | +24,4 % | 222.000 € | +9,5 % | 1.665.000 € |
| 2010 | +18,9 % | 224.000 € | +10,2 % | 1.795.000 € |
| 2011 | −4,3 % | 175.000 € | +19,1 % | 2.098.000 € |
| 2012 | +11,4 % | 155.000 € | +19,4 % | 2.464.000 € |
| 2013 | +19,4 % | 145.000 € | +11,4 % | 2.705.000 € |
| 2014 | +19,1 % | 132.000 € | −4,3 % | 2.549.000 € |
| 2015 | +10,2 % | 106.000 € | +18,9 % | 2.990.000 € |
| 2016 | +9,5 % | 76.000 € | +24,4 % | 3.680.000 € |
| 2017 | +6,1 % | 40.000 € | −37,9 % | 2.244.000 € |
| 2018 | −5,9 % | 0 € | −5,4 % | 2.083.000 € |
| 2019 | +28,2 % | 0 € | +6,0 % | 2.168.000 € |
| 2020 | +6,3 % | 0 € | +24,7 % | 2.664.000 € |
| 2021 | +25,8 % | 0 € | +4,0 % | 2.731.000 € |
| 2022 | −19,6 % | 0 € | +9,3 % | 2.944.000 € |
| 2023 | +15,2 % | 0 € | −33,4 % | 1.922.000 € |
| 2024 | +23,0 % | 0 € | −13,6 % | 1.620.000 € |
| 2025 | +5,1 % | 0 € | −8,1 % | 1.448.000 € |
Entnahme jeweils am Jahresende. Rückwärts-Spalten: Jahr 1 bekommt die Rendite von 2025, Jahr 2 die von 2024 usw.
Dieselben 26 Jahresrenditen, dieselbe Entnahme – einmal ist das Depot nach 19 Jahren leer, einmal wächst es auf 1.448.000 €. Zum Vergleich: Mit einer gleichbleibenden Rendite von 3,7 % in jedem Jahr wären am Ende 882.000 € übrig.
Was eine niedrigere Entnahmerate bringt
Eine niedrigere Startrate ist der einfachste Schutz – kostet aber Kapital oder Budget. Für dieselbe Entnahme brauchst du bei 3 % ein Drittel mehr Vermögen als bei 4 %.
| Entnahmerate | Entnahme pro Jahr | Start 2000 | Renditen rückwärts |
|---|---|---|---|
| 3,0 % | 30.000 € | 369.000 € | 1.733.000 € |
| 3,5 % | 35.000 € | aufgebraucht 2025 | 1.591.000 € |
| 4,0 % | 40.000 € | aufgebraucht 2018 | 1.448.000 € |
Im Beispiel hätte nur 3 % die 26 Jahre klar überstanden. Klassische Studien zur 4-%-Regel prüfen 30 Jahre; wer mit 40 oder 50 aussteigt und 40 bis 50 Jahre entnimmt, sollte mit einer niedrigeren Rate rechnen. Ein einzelner Startzeitpunkt wie 2000 ist kein vollständiger Test – er zeigt aber, wie eng es mit 4 % werden kann.
Flexibel entnehmen: Schutz mit Preis
Wer seine Entnahme nach schlechten Jahren kürzt, verkauft im Crash weniger Anteile. Ein bekanntes Regelwerk sind die Guardrails nach Guyton und Klinger: Liegt die aktuelle Entnahmerate mehr als 20 % über der Startrate (bei 4 % Start also über 4,8 %), kürzt du um 10 %; liegt sie mehr als 20 % darunter (unter 3,2 %), erhöhst du um 10 %. Nach einem Jahr mit Verlust entfällt zudem der Inflationsausgleich, wenn die Entnahmerate sonst über der Startrate läge. In den letzten 15 Jahren wird nicht mehr gekürzt.
| Strategie | Vermögen Ende 2025 | Niedrigste Entnahme | Entnahmen 2000–2025 gesamt |
|---|---|---|---|
| Feste Entnahme | aufgebraucht 2018 | 0 € | 760.000 € |
| Guyton-Klinger | 795.000 € | 18.028 € | 610.000 € |
Feste Entnahme: 2018 reicht das Vermögen nur noch für rund 38.000 €, gezählt ist die volle Entnahme; danach 0 €.
Das Vermögen bleibt erhalten – aber das Budget sinkt um bis zu 55 %, auf 18.028 € im Jahr 2012. Bis 2025 steigt es wieder auf 26.000 €. Flexibilität hilft also nur, wenn du solche Kürzungen tatsächlich tragen kannst – etwa weil ein Teil deiner Ausgaben verzichtbar ist.
Guyton und Klinger haben ihre Regeln für höhere Startraten von gut 5 % entwickelt. Andere flexible Ansätze sind eine feste Prozententnahme vom aktuellen Vermögen oder ein Korridor, der die jährliche Änderung begrenzt (Vanguard Dynamic Spending).
Was das Risiko mildern kann
- Niedrigere Startrate: etwa 3 bis 3,5 % statt 4 % – mehr Puffer, aber ein höheres Zielvermögen oder ein späterer Ausstieg.
- Flexible Ausgaben: Ein Budget mit verzichtbarem Anteil (Reisen, größere Anschaffungen) lässt sich nach schlechten Jahren kürzen, ohne an Grundbedürfnisse zu gehen.
- Sicherheitspuffer: Ein Teil in Tagesgeld oder kurzen Anleihen deckt einige Jahre Ausgaben. Im Crash entnimmst du daraus und kannst Verkäufe zu Tiefstkursen aufschieben. Danach muss der Puffer wieder aufgefüllt werden – er mildert das Risiko, beseitigt es aber nicht.
- Gleitpfad (Bond-Tent): Rund um den Ausstieg einen größeren Teil sicher anlegen und die Aktienquote in den Jahren danach schrittweise wieder anheben. So sinkt das Risiko genau in der kritischen Phase, ohne dauerhaft auf Rendite zu verzichten.
- Einkommen in den ersten Jahren: Ein Teilzeitjob oder Nebeneinkünfte zu Beginn der Entnahme senken die Verkäufe genau in der kritischen Phase – wenn du dir diese Möglichkeit bewusst offenhältst.
- Gesetzliche Rente als Boden: Ab Rentenbeginn muss das Depot nur noch die Lücke zur Rente decken – das Risiko konzentriert sich auf die Jahre davor.
Annahmen
- MSCI World Net (Dividenden nach Quellensteuer wieder angelegt), Jahresendstände 1999–2025 in US-Dollar, mit dem EZB-Referenzkurs des letzten Handelstags in Euro umgerechnet (kleine Abweichungen zu den von MSCI veröffentlichten Euro-Werten möglich)
- Inflation: Verbraucherpreisindex Deutschland (Basis 2020 = 100), Dezember zu Dezember – alle Beträge in heutiger Kaufkraft
- 100 % Aktien (MSCI World), keine Anleihen – mit gemischtem Depot fällt das Reihenfolgerisiko anders aus
- Keine Kosten, Steuern oder Krankenversicherung; Entnahme jeweils am Jahresende
- Guyton-Klinger nach dem Paper von 2006: Kürzung bzw. Erhöhung um 10 % bei 20 % Abweichung von der Startrate, keine Kürzung in den letzten 15 Jahren der Rechnung (hier ab 2011), Inflationsausgleich nach einem Verlustjahr nur ausgesetzt, wenn die Entnahmerate sonst über der Startrate läge, pauschal 2 % Inflation
- Vergangene Renditen sind keine Prognose – das Beispiel zeigt einen ungünstigen, aber realen Startzeitpunkt
Quellen
- MSCI World Index – Kurshistorie (Variante Net, USD)
- EZB – Referenzkurs US-Dollar/Euro
- Deutsche Bundesbank – Verbraucherpreisindex Deutschland (Quelle: Statistisches Bundesamt)
- Guyton, Klinger (2006): Decision Rules and Maximum Initial Withdrawal Rates, Journal of Financial Planning
Allgemeine Information – keine Steuer-, Rechts- oder Anlageberatung.